Noch im Genuß der Wiedersehensfreude gesteht Gesing: "Über Kunst haben wir eigentlich gar nicht
geredet". Außerdem konnte man vor lauter Leuten im Schollbrockhaus sowieso die Bilder kaum se-
hen. Aber ganz viele wollen wegen dieser Exponate von einst und jetzt noch einmal wiederkommen.
Diese Absicht sollten sie unbedingt in die Tat umsetzen, denn es gibt wunderschöne "Klassiker" zu
genießen, vor allem von Wlihelm Imhoff (1893-1950) und diskussionswürdiges aktuelles Schaffen.
Manches, das damals entstand, wirkt früh vollendet. So fregt man sich vor einem 1947 hinreißend
portraitierten impressionistischen alten Ofen von Jupp Gesing, was er eigentlich anschließend auf
der Kunstakademie Düsseldorf noch lernen wollte? Doch alle zehn - neun Männer und eine Frau -
waren sich bewußt, daß mit Ende des Krieges nicht nur das Leben in Freiheit beginnen konnte, son-
dern daß auch in der Kunst der Aufbruch zu neuen Ufern als große Aufgabe vor ihnen lag. Über Wolf-
gang Hauptmeier (1989 verstorben in Cloppenburg), der 1951-55 in expressivem Schwarz Hafen und
Zechen in Sodingen festhielt und zwanzig Jahre später eine Art magischen Realismus entwickelte,
sagt Jupp Gesing voller Hochachtung: "Der hatte als erster von uns kapiert, worum es ging.
Das begriffen auch Bruno Foltynowitcz (1914-1970), Lothar Gambke, Hugo Lindemann, Theo Schä-
fer, Hermann Gesing (der sich der Bildhauerei zuwandte) und Robert Imhof. Letzterer konnte nicht
ewig der "Jungen Witwe" treu bleiben. Mochte er sie 1953 noch so einfühlsam in Tempera auf Lein-
wand gesetzt haben. Es mußte mehr passieren, als mit adretten Fachwerkhäusern, artigen Stilleben
und Mädchen am Strand dem im Figurativen verhafteten Publikum zu gefallen. Im Schollbrockhaus
hängen jetzt Ergebnisse dieses Ringens um mehr Freiheit in der Kunst. Leider war von der Linol-
schneiderin und Weberin Josefa Holthoff (1914-1982) nur ein einziger Druch aufzutreiben.
Jupp Gesing, der Initiator der Erinnerungsausstellung im Namen des heutigen Herner Künstlerbundes
kann Drolliges von früher erzählen; wie Kost und Logie bei Mal-Exkursionen ins Sauerland mit dem
Malen eines Gasthaus-Schildes "Zum Blauen Bock" bezahlt wurde; wie die Gruppe die Erlaubnis zum
Malen im Stickstoffwerk nur unter der Bedingung bekam, "den gelben Qualm wegzulassen"; wie sie
den "Goldsaal" des Herner Hofes durch angewandte Kunst für den Karneval ausstaffierten.
Neulich bekam er bei einer Stippvisite in der Ausstellung selbst unverhofft eine Geschichte erzählt:
Eine alte Dame in Begleitung von Tochter und Enkeln freut sich über die Begegnung: Sie sind Herr
Gesing? Wissen Sie, daß ich ein Bild von Ihnen habe? Als wir - ganz lang ist es her - Möbel aussuch-
ten bei der Firma X, hing es da zur Dekoration, und da haben wir es gleich mitgekauft. Für 70 Mark.
Viel Geld damals. Blaue Blumen sind drauf.
An dieses spezielle Blumenstück kann sich Gesing nicht mehr erinnern. ABer es war einmal: "Ritter-
sporn, ja, den habe ich sehr gerne gemalt..."
                                                                                Heide Amthor-Zeppenfeld
WAZ

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